
Mein Sprachverständnis sträubt sich dagegen, jemals eine «schillernde» Persönlichkeit sein zu wollen. Obwohl in den Medien immer öfter Menschen aufgrund ihrer Verdienste und ihrer Prominenz als
«schillernd» bezeichnet werden, im Sinne von: brillant, leuchtend, herausragend.
Dieses Wort ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie sich Sprache wandelt und wie einzelne Wörter eine Verschiebung ihrer Bedeutung erfahren. Noch in den 80er- und 90er-Jahren meinte man mit einer
«schillernden» Persönlichkeit einen Menschen mit verwirrend funkelnden Facetten, im besseren Fall einen Paradiesvogel, im schlechteren Fall unfassbar, ja zwielichtig und umstritten – so oder so
jedenfalls nichts Solides und Vertrauen Einflössendes.
So ungefähr ab den Nullerjahren las ich immer öfter von «schillernden» Politikern, Wissenschaftlern oder Kulturschaffenden, die man mit diesem Prädikat keinesfalls als zwielichtige Subjekte
abstempeln, sondern, im Gegenteil, als Leuchtsterne ihrer Zunft feiern wollte. Als Sprachpurist ärgerte ich mich ob des falsch verwendeten Wortes. Und ich ärgerte mich noch mehr über die
Abschlussredaktoren, die solche sprachlichen Versehen und Vergehen durchgehen liessen, weil sie es offenbar selbst nicht besser wussten.
Was mich anfänglich juckte, nötigt mir heute – soeben habe ich besagtes Wort in meiner Tageszeitung einmal mehr falsch angewendet gelesen – nur noch ein Schulterzucken ab. Ich muss mich damit
abfinden: Fehlerhafter Sprachgebrauch kann sich durch ständiges Wiederholen zu akzeptiertem und schliesslich korrektem Sprachgebrauch wandeln.
Eigentlich widerspricht das ja der Alltagslogik. Wer immer wieder denselben Fehler macht, darf nicht hoffen, dass aus Falsch am Ende des Tages wie durch ein Wunder Richtig wird. Diese Logik gilt
aber offensichtlich nicht für die Sprache: Wenn nur genügend Leute lange genug denselben Fehler machen, führt er irgendwann nicht mehr in die Fehlerhölle, sondern in den Duden-Olymp und damit zur
allgemeinen Akzeptanz.
Sprache ist eben facettenreich, vielschichtig, subtil, stets balancierend auf dem schmalen Grat der Bedeutungsnuancen und möglichen Missverständnissen; sie ist kaum einzuhegen, schwer steuerbar und keinem Regelwerk allzu lange konsequent gehorchend… Fast möchte ich sagen: schillernd.